Die Bienenzucht in Schwaben.

 Haben wir im ersten Abschnitt die Bienenzucht überhaupt und an sich hinauf verfolgt bis ins Altertum, haben wir im zweiten Abschnitt die mannigfachen Geschicke des Ländchens Schwaben im Laufe der Zeiten an unserem geistigen Auge vorüberwandern lassen, so erübrigt uns für diesen, den dritten Abschnitt des Buches, unsere Aufmerksamkeit von dem politischen Lärme der Jahrhunderte weg und auf die stille Thätigkeit jener arbeitsamen Söhne und Töchter unseres engeren Heimatlandes hinzulenken, welche von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag mit Liebe und Emsigkeit, mit Fleiß und Ausdauer, aus Vorliebe und Erwerbssucht ihre Kräfte dahin verwendet haben, jenes merkwürdigste aller Insekten, die Biene, ihrer selbst und ihrer Produkte wegen zu hegen und zu pflegen, — kurz uns in der Geschichte der Bienenzucht Schwabens ein wenig näher umzusehen.

Bevor wir uns aber weiter in dieses Gebiet vertiefen, wollen wir uns zuerst die Bestandteile und die Grenzen unseres Ländchens näher fixieren.

Was Schwaben früher umfaßte, haben wir ja schon im zweiten Abschnitte dieses Buches kennen gelernt. Während im Altertum das Land der Schwaben, der Suevi, ob ihres nomadisierenden Verhaltens von bestimmten Grenzen nicht sein konnte, veränderte dieses sich natürlich im Laufe der Zeit und mit Änderung des Volkscharakters. Aber auch später, im Mittelalter, umfaßte es einen großen Länderkomplex, und es gehörte außer dem jetzigen bayerischen Schwaben dazu Württemberg, ein Teil von Hessen, ein Teil der Schweiz und ein Teil des Wasgaues (französisch: Vosgues, deutsch: Vogesen) oder des Elsaßes.

Unser heutiges Schwaben allerdings hat bedeutend engere Grenzen, und nur am Dialekte erkennen wir noch weit nach Westen, nach Süden und nach Norden von uns unsere ehemaligen Stammesbrüder. Das bayerische Schwaben selbst ist im Jahre 1838 bei der damals erfolgten Einteilung des Königreiches1) aus dem anno 1817 (aus dem Lech-, Iller-, Donau- und Altmühlkreis) gebildeten Ober-Donaukreise2) hervorgegangen und besteht in seinen einzelnen Teilen:

Aus der Reichsherrschaft Hohenschwangau, der Reichsstadt Donauwörth, dem Fürstentum Mimdelheim, den reichsritterschaftlichen Gütern Mattsies, Ober- und Unterrammingen, der reichsritterschaftlichen Herrschaft Wertingen, der Grafschaft Schwabeck, der Reichsherrschaft Illertissen; aus den Herzogtümern Lauingen, Neuburg, Monheim, Höchstädt und Wemding; aus dem Bistum Augsburg, der Probstei Kempten, den Reichsabteien Elchingen, Ursberg, Roggenburg, Wettenhausen, Irsee, Ottobeuren, Kaisersheirn, St. Ulrich; den Besitzungen, welche von den in der Stadt Augsburg und deren Markung gelegenen Kapiteln, Abteien und Klöstern abhingen, den Reichsstädten Augsburg, Kempten, Lindau, Kaufbeuren, Memmingen, Nördlingen, dem aus dem rechten Donauufer gelegenen Teile des Ulmer Gebietes; aus der Markgrafschaft Burgau, der Grafschaft Königsegg-Rothenfels; aus den reichsständischen und ritterschaftlichen Herrschaften und sonstigen Besitzungen der Grafen Fugger-Glött, Kirchberg, Kirchheim, Nordendorf und Dietersheim, den Fürstentümern Öttingen, der Grafschaft Edelstetten, den Besitzungen des Fürsten Fugger-Babenhausen, der Burggrafschaft Winterrieden, den Herrschaften Buxheim und Thannhausen und endlich aus dem im Jahre 1879 vom Regierungsbezirke Oberbayern abgetrennten Amtsgerichte Rain.

Schwaben und Neuburg erstreckt Sich vom 47° 5' bis zum 49° 3' nördlicher Breite und von 27° 16' bis 29° 10' östlicher Länge, grenzt gegen Norden an Mittelfranken und Württemberg, gegen Osten an Mittelfranken und Oberbayern, gegen Süden an den Bodensee, Tyrol und Voralberg, gegen Westen an das Königreich Württemberg.

Der Flächeninhalt des Kreises beträgt 9819,32 Qkm mit annähernd 327,738 ha Ackerland, 245,530 ha Wiesen, 233,737 ha-Waldungen (hierunter 37,958 ha Gemeindewaldungen), 9,748 ha Gärten, 189 ha Weinbergen, 119,088 ha Ödungen und Weiden, 5,616 ha Gebäude und Hofräume, 17,489 ha Straßen und Wege, 12,978 ha Flüsse/ Bäche, Teiche und Seen, in Summa 981,113 ha.

Der Kreis Schwaben ist, obwohl nicht ganz frei von morastigen Gegenden, die den Fleiß des Bebauens nur kärglich belohnen, im Ganzen genommen einer der gesegnetesten, fruchtbarsten Kreise von Bayern, und es ist deshalb leicht einzusehen, daß bei so günstigen

1)Regierungsblatt 1837, Seite 798. 
 2)Regierungsblatt 1817, Seite 115.

Terrainverhältnissen, beziehungsweise so allgemein günstiger Bienenweide, Schwaben bezüglich des Bienenzuchtbetriebes nicht in den letzten Reihen unter den übrigen deutschen Ländern stand und steht.

Herr Lehrer Reichard in Offingen, der eifrige Pionier der Bienenzucht an der Donau, sprach sich in seinem ausgezeichneten Vortrage "Der Kreis Schwaben in seiner Beziehung zur Bienenzucht", den er bei der Kreisversammlung schwäbischer Bienenzüchter in Sonthofen (1890) gehalten, über die natürliche Befähigung unseres Ländchens zur Bienenzucht in nachstehender Weise aus:

„Unser Schwabenland ist so recht ein Land für die Bienenzucht, schon durch sein Klima und die Bodenbeschaffenheit. Das Klima ist im allgemeinen ein ziemlich gemäßigtes, teilweise ein mildes. Südwest- und Nordwestwinde sind vorherrschend; der erste Schnee fällt in der Regel anfangs November, im Oberland früher; der Eintritt des vollen Frühlings erfolgt Mitte April, im Allgäu etwas später.

„Je nach der Gegend ist der Grund und Boden im Kreise Schwaben und Neuburg verschieden. Das Allgäu besteht aus felsigem Boden, ebenso die Jurahöhen. Die Hügelreihen und Thäler Mittelschwabens Sind größtenteils angeschwemmtes Land, enthalten Kies, Sand und Lehm. Auf diesem felsigen oder kiesigen Untergrunde liegt aber in der Regel gute Ackererde, so daß unser Schwabenland mit einer Menge Pflanzen bewachsen ist, welche reichlich Bienen zu nähren imstande sind. Machen wir im Geiste eine kurze Wanderung durch unser Schwabenland, um etwas genauer das Verhältnis der einzelnen Teile Schwabens zur Bienenzucht näher beleuchtet zu erhalten.

„Den nördlichen Teil Schwabens nehmen die Jurahöhen ein. Diese umschließen eine weite, fast kreisrunde und überaus fruchtbare Ebene, das Ries. Dasselbe bietet herrliche Wiesen und Getreidefelder und damit eine treffliche Sommer- und Herbsttracht. Da das Ries nach allen Seiten vom schwäbischen und fränkischen Jura eingeschlossen und ferner durch seine tiefe und geschützte Lage gesichert ist vor den scharfen Winden, ist das Ries überaus günstig für die Bienenzucht. Im Frühjahr wird durch zahllose Obstbäume in den prächtigen Gärten den Bienlein herrlich der Tisch gedeckt und darf es uns nicht wundern, daß die Bienenzucht im Vereinsgebiet des Riesgaus in hoher Blüte steht.

„Im Donauthale wechseln die fruchtbarsten Gegenden mit mächtigen Torfmooren ab. Dichte Nebel im Frühjahr und Herbst und die Weiten, meist mit schlechtem Futtergras bewachsenen Flächen des Donauriedes und Donaumooses sind stellenweise der Bienenzucht wohl feindlich. die fruchtbaren Teile im Donauthale weisen aber nicht nur eine gute Sommer- und Hochsommertracht, sondern auch eine gute Frühlingstracht auf. Frische, große Laubwälder mit duftenden Frühlingsblumen, zahllose Weidengebüsche und herrliche Obstgärten bieten schon im April und Mai den Bienchen reichlichen Nektar und Blütenstaub. Seit urdenklichen Zeiten sind darum die Bienen im Donauthale daheim und sind stets eifrig gepflegt worden. Auch die rationelle Bienenzucht hat seit mehreren Jahren eine eifrige Pflegstätte im Donauthale gefunden.

„Wir kommen nun zum fruchtbaren, mittelschwäbischen Hügelland mit der getreide- und hopfenreichen Memminger Ebene und dem wohl etwas mageren Lechfelde. Auch dieser Teil Schwabens darf mit seinem meist guten Boden und gemäßigten Klima zu den für die Bienenzucht günstig gelegenen Teilen gerechnet werden. Auf gutem Boden vorherrschender Ackerbau, in geschützten Lagen viele Obstgärten und ausgedehnte Laub- und Nadelwaldungen bieten den Bienen durch zahllose Blumen und Blüten das ganze Jahr reiche Tracht. Die Bienenzucht erfreut sich hier auch eines recht erfolgreichen, rationellen Betriebes.

„Weniger günstig für die Bienenzucht ist das Alpenvorland mit den Bezirken Kempten, Füssen und Oberdorf und das Hochgebirge mit den Bezirken Immenstadt und Sonthofen. Diese Teile Schwabens haben eine hohe, teilweise sehr hohe Lage, das Klima ist rauher als sonst wo im Schwabenlande, die Winter sind sehr streng und lange andauernd. Im Sommer wechselt die Temperatur oft rasch und bedeutend. Auf dem felsigen Untergrund liegt aber oft gute Humuserde, wenn auch nur ganz dünn. Darum ist der Grasboden hier vorherrschend und wird nur in wenigen Gegenden Getreide gebaut. Honigspendende Blumen gibt es hier aber in Menge, Blumen, die prächtigen, aromatischen Honig liefern, wie kein anderer Teil Schwabens. Trotz der hohen Lage werden auch Obstbäume eifrig gepflegt, somit liefern auch die Obstbaumblüten Honig, nicht minder die vielen Beerenblüten und Tannenwaldungen, letztere freilich nur minderwertige Ware. Wir dürfen also auch den Allgäu als für die Bienenzucht günstig ansehen. Ein eifriges Streben nach Vorwärts ist in Wirklichkeit unter den Bienenzüchtern des Allgäus seit Jahren zu Tage getreten und steht der Betrieb der Bienenzucht in dieser Gegend Schwabens keinem anderen nach, zudem hier die Bienenzüchter mit mehr ungünstigen Witterungseinflüssen zu kämpfen haben als anderswo.

„Das Bodenseegebiet umfaßt den Bezirk Lindau. Für dessen nördlichen Teil gilt das eben Gesagte in Bezug auf Klima und Fruchtbarkeit. Gegen die Seegegend fällt das Hügelland allmählich ab, zeigt mildes Klima, guten Boden, reiche Bewässerung und hat somit alles zum Gedeihen einer herrlichen Pflanzenwelt. Die herrlichsten Obstanlagen, Gemüsegärten, Weinberge, Getreidefelder, Wiesen und Waldungen stehen hier beisammen und wetteifern im Darbieten von Bienennährpflanzen, die auch eifrig von den in dieser gesegneten Gegend gehaltenen Bienen beflogen werden.

„Unser liebes Schwabenland ist somit alles in allem recht günstig für die Bienenzucht und dürfen wir uns freuen, in einem so von Gott gesegneten Teile unseres teuren Vaterlandes zu leben. Ja ich möchte die Behauptung aufstellen: „Wen Gott lieb hat, dem giebt er einen Bienenstand im schönen Schwabenland."

Doch kehren wir nun zur frühesten Imkerzeit Schwabens zurück, so dürfen wir vor allem nicht übersehen, daß das Land der alten Sueven im großen Ganzen ein kolossales Waldland gewesen ist und Cäsar giebt auch den einzelnen Waldungen die ungeheuren Ausdehnungen von sechzig Tagereisen Länge und neun Tagesreisen Breite , was uns fast an die centralafrikanischen Wälder Stanleys am Aruwimi, Nespoko und Jturi erinnert. Nach dem Urteile des römischen Schriftstellers Plinius bestanden diese germanischen Wälder zum größten Seile aus Eichen. Die Eiche war ja überhaupt den germanischen Völkern ein heiliger Baum; unter ihrem Gezweige hielten sie Gerichte, beschlossen über Leben und Tod, über Krieg und Frieden und in ihren düsteren Schatten flehten sie zu ihren Göttern. Und in Anbetracht dessen, daß das ganze Land der Sueven ein großes Waldland war, dürften wir wohl nicht zu viel behaupten, wenn wir sagen, daß Nutzung, Schutz und Hege der im Walde in hohlen Baumstämmen hausenden Bienen — Waldbienenzucht — auch hier, wie überall, den Anfang des Imkerbetriebes ausgemacht habe; daneben muß aber frühzeitig auch die Garten- und Hausbienenzucht in Anwendung gekommen sein, welche an einer dem Wohnplatz des Züchters nahe und diesem, wie seinem Schützling bequem und günstig gelegenen Stelle den Bienen Wohnungen herrichtet und anweist.

Von einer eigentlichen Wanderbienenzucht, wie wir solche bei den alten Ägyptern u. s. s. finden, berichten die alten Schriftsteller so wenig wie über die Art der Wohnungen. Ausgehöhlte Baumstöcke (Klotzbeuten) werden den Anfang gemacht haben, bis man allmählich zu den aus Stroh geflochtenen Wohnungen fortschritt (Strohkörbe in verschiedenen Formen). Übrigens reichen unsere Beweise für das Alter des Vorkommens der Biene noch weit über die historische Zeit hinaus und Schwaben hat vor allen Teilen der Erde den Vorzug, dein Beweis geführt zu haben, daß schon in den ältesten, Vorgeschichtlichen Zeiten die Biene hier vorkam und daher wahrscheinlich auch gepflegt wurde. In den Steinbrüchen zu Öhningen nämlich, bei Konstanz, zum ersten Male und einzig auf der Welt, ist in Versteinerung die vorweltliche Biene, die apis adamitica, entdeckt und aufgefunden worden.

Gesamter Bericht als Pdf-Datei: Die Bienenzucht in Schwaben