I. Abschnitt.

Geschichte der Bienenzucht im Allgemeinen.

Die Bedeutung, welche der Bienenzucht in volkswirtschaftlicher Beziehung gegenwärtig allgemein und mit Recht zuerkannt wird, rechtfertigt es, wenn auch wir "verhohnagelten" Schwaben einige Mitteilungen über die imkerlichen Verhältnisse unseres bayerischen Schwabenlandes erscheinen lassen.

Selbstredend kommt es hier dem Verfasser dieses Buches nicht in den Sinn, eine Geschichte der Bienenzucht Schwabens im engsten Sinne des Wortes zu bieten, so willkommen dieses den Schwäbischen Imkern auch sein dürfte. Allein es war dies dem Verfasser trotz sorgfältiger Durchsicht verschiedener Archiv- und Regierungsakten leider nicht möglich, da gerade speciell über Bienenzucht Schwabens nur ganz spärliche Notizen aufgefunden werden konnten. Unsere Mitteilungen bezwecken daher bei einem unvermeidlichen Anschlusse an die bayerische Bienenzucht nur ein allgemeines Bild der Schwäbischen Bienenzucht, Verflochten mit einer kurzen Geschichte Schwabens, zu geben und daran dann einige Schwäbische Imkergedankenspäne über Vereine zu reihen.

Bevor wir die Schwäbische Bienenzucht ins Auge fassen, werfen Wir um des Ganzen willen einen ganz kurzen Blick auf die Bienenzuchtsgeschichte im allgemeinen. Ich thue dieses nicht unserer Imkerheroen Wegen, die ja in all dem besser beschlagen sind, als der Verfasser selbst, sondern um des einfachen Mannes willen, der sonst nicht sogleich wieder Gelegenheit hat, über die allgemeine Bienenzuchtsgeschichte etwas zu vernehmen.

Die Alten der grauen Vorzeit betrachteten die Bienen als göttliche Wesen, indem sie glaubten, dieselben seien unmittelbar von den Göttern erzeugt worden; für uns Christen bietet diese Frage des Ursprunges der Biene keine Schwierigkeit, wissen wir ja, daß auch sie, wie alle Geschöpfe, aus der Hand des Allmächtigen hervorgegangen sind, erschaffen von Gott zum Nutzen und Segen der Menschheit.

Die Geschichte der Biene reicht so weit zurück, als die Menschheit existiert. Da, wo die ersten Menschen ihre erste Heimat besaßen, da hatten auch die Bienen ihre erste Heimstätte, nämlich im Paradiese. Eine alte Sage berichtet folgendes: Da Adam und Eva, die Lieblinge Gottes, dort im paradiesischen Garten wohnten, fiel der Honig von selbst von den Bäumen auf die Erde. AIs Eva aber den Verderblichen Apfelbiß machte, hörte der Honig auf zu fließen; auch die Tierwelt sollte von den Folgen dieser Frevelthat nicht verschont bleiben. Flogen die Bienen bisher im Paradiese in munterer Freude und aller Sorglosigkeit, war bis jetzt bei ihnen keine Krankheit zu finden, gab es für sie in diesem herrlichen Lustgarten auch keine Feinde, so finden wir nach dem lüsternen Apfelbiß auch in der Tierwelt eine Hinneigung zum schlimmeren. Die Biene sollte von nun an auch ihre Krankheiten, ihre Feinde, ihre Gegner haben; schnell waren da das komplimentenreiche Rotschwänzchen, der Fliegenschnäpper und der Sperling, um vom Busche aus frech dem Bienlein nachzusetzen.

Eines Tages, so erzählt die Sage weiter, saßen die Kinder Evas trauernd unter den Bäumen und dachten an jene Honigfülle zurück, wie solche im Lustgarten ihrer Eltern von den Bäumen geflossen. Sieh` da, plötzlich flog eine Biene ängstlich, verfolgt Von einem Sperlinge, heran und suchte bei den Kindern Adams Schutz, welchen sie auch fand; denn schnell wurde der Verfolger verscheucht. Ob dieser Lebensrettung fing das Bienchen an, laut seinen Dank den Menschenkindern auszusprechen, indem es sich also vernehmen ließ: "Ihr habt heute gerettet das Leben der letzten Bienenkönigin, darum Dank euch und eueren Nachkommen! Zum Lohne hierfür will ich euch geben den süßen Honig, so süß und gut, wie er einst geflossen im Paradiese."

Weil nun die Kinder der ersten Menschen das Leben der letzten Bienenkönigin gerettet haben, so dürften wir gewiß schon die ersten Nachkommen Adams und Evas als die ersten Bienenzüchter anführen. Sofort fingen nun die Menschen an, die Bienen zu lieben, zu warten und zu pflegen, und so finden wir also schon in den ältesten ZeitenBienenzüchter.

Mit der Bienenzucht befaßte sich zunächst das älteste Kulturvolk,die Ägypter. Dieses merkwürdige Volk, diese hervorragende Säule urältester, menschlicher Kultur, hatte große Vorliebe für die Bienenzucht. Ihr fruchtbares Land bot ihnen reichliche Bienenweide, besonders die Blüte der Dattelpalme und die vielbesungene Lotospflanze. Der ägyptische Joseph dürfte unstreitig großen sinn für die Bienenzucht gehabt haben, denn sonst hätte derselbe seinen Brüdern nicht gerade eine Gegend als Wohnplatz angewiesen, die eine reichliche Bienenweide bot, nämlich das Land Gosen. "Dort werdet ihr essen das Mark des Landes!" — so sprach er zu seinen Brüdern, als er ihnen dieses Weideland anwies; nun aber ist unter diesem Mark des Landes nichts anderes zu verstehen, als Milch und Honig.

Die Bienenwohnungen, Welche bei den alten Ägyptern im Gebrauche waren, bestanden aus gebranntem Thon und bildeten transportable Krüge oder Schüsseln; auch fand man vielfach Bienenwohnungen aus Ruten geflochten, welche mit Nilschlamm und sonstiger morastiger Erde überzogen waren.

Daß die Ägypter Wanderbienenzucht getrieben haben, geht aus den Reiseberichten eines gewissen Dr. Westhau klar hervor; denn nach dessen Berichten schickten die ägyptischen Bienenzüchter Ende Oktobers ihre Bienenstöcke auf dem Nilflusse nach Oberägypten; der Transport derselben wurde auf Flößen bewerkstelligt. Der Grund dieser Wanderung war, weil die Ägypter die Bienen von dem Reichtume der Blumen, die in Oberägypten viel früher blühten, als in ihrem Landstriche, auch Nutzen ziehen lassen wollten. Im übrigen soll diese Art Von Floßwanderung auch heute noch bei manchen ägyptischen Bienenzüchtern in Anwendung kommen.

seit Muhammeds Fahne im Lande der Ägypter weht, ist die Bienenzucht bedeutend herabgesunken. Von der Hohe der Blütezeit vergangener Jahrhunderte und ist es nur noch vorherrschend eine christliche Sekte, die armen "Kopten", welche sich mit der Bienenzucht befassen. Die ägyptische Biene bildet eine ganz eigene Abart der Honigbiene und wurde im Jahre 1864 auch in Deutschland eingeführt. Der verdienstvolle Redakteur der Nördlinger Bienenzeitung, Vogel zu Lehmannshöfel, war ihr erster deutscher Pflegevater und er hat ihr auch ein eigenes Büchlein gewidmet.

Palästinas Bewohner, die Hebräer oder Juden, waren ebenfalls mit der Bienenzucht vertraut. Unstreitig hatten die Patriarchen großes Interesse für dieselbe; denn vom Patriarchen Jakob berichtet die Bibel, daß er seinen zur Kornkammer Ägyptens ziehenden Söhnen den Auftrag gab, dem Statthalter Geschenke, namentlich Honig, mitzunehmen.

Von den Propheten berichtet die heilige schrift, daß sie die Erzeugnisse der Bienen nicht verschmähten. Der Evangelist Markus sagt ausdrücklich, daß Johannes der Täufer sich von Heuschrecken und wildem Honig genährt habe; auch hat nach Lukas der göttliche Heiland den am See Genesareth son seinen Jüngern dargebotenen Honigseim nicht zurückgewiesen. Nach dem Geschichtschreiber Philo hatten die Essäer am Toten Meere und besonders die Rabbinen des Talmud großen Eifer für die Bienenzucht.

Die Bienenwohnungen bei den jüdischen Bienenzüchtern waren aus Stroh und Rohr zusammengeflochten; auch bestanden sie, wie bei den Ägyptern, aus gebranntem Thon, nur mit dem Formunterschiede eines viereckigen Ofens, bei welchem Fensterchen angebracht waren. Bienen durften nur in einer Entfernung von fünfzig Ellen außerhalb der Stadt gehalten werden, damit niemand von denselben gestochen würde.

Ob die Juden, gleich den Ägyptern, schon Wanderbienenzucht getrieben haben, läßt sich mit Sicherheit nicht nachweisen. Nicht zur Ehre der Juden muß gesagt werden, daß dieselben schon in frühester Zeit .den Honig gefälscht haben, indem sie Wasser und Mehl mit Honig vermischten.

Wie bei den Ägyptern und Juden die Bienenzucht einen nicht untergeeordneten Rang im landwirtschaftlichen Betriebe einnahmn, sehen wir dasselbe auch bei den G r i e c h e n  u n d  R ö m e r n. Griechische und römische Dichter und Geschichtschreiber, welche die Biene und ihre Produkte in Liedern und Schriften besangen und verherrlichten, gab es in der That nicht wenige. Unter den Griechen nenne ich Homer und Hesiod, Xeno-phon und Aristoteles; letzterer bespricht sogar in seiner bekannten Tiergeschichte das Leben der Bienen und deren Pflege in eingehender Weise; unter den römischen Schriftstellern, die sich auf dem Gebiete der Bienenzucht einen Namen erworben haben, sind es Varro, Markus Terentius, der in seiner Schrift "de re rustica" wie Virgil in seiner "Georgica" manch praktische Winke für die Bienenzucht andeutet und giebt; ferners dürfen Ovid, Cornelius Celsus und Aristomachus als Bienenschriftsteller nicht unerwähnt bleiben.

Bei den grenzenlos verschwenderischen Gastmählern und Trinkgelagen der Römer spielten die Honiggerichte (Nektar und Ambrosia) eine wichtige Rolle. Die Honiggewinnung bildete bei ihnen einen besonderen Zweig der Landwirtschaft. Aus den ausgedehnten Ländereien wohlhabender Besitzer war eine eigene Klasse Sklaven mit der Pflege der Bienenvölker betraut. Die Bienenwohnungen bei den Griechen und

Römern waren meist aus hohlen Baumstämmen und zusammengesägten Brettern, ja bei den Griechen finden wir schon bewegliche Stäbchen in Bienenstöcken vor. Welcher von den Bienenzüchtern hätte nicht schon von dem unvollkommenen Mobilstock eines Aristäus gehört? Wanderbienenzucht betrieben sowohl die Griechen wie die Römer; letztere schickten ihre Bienenvölker gern nach Sizilien ob der dortigen reichlichen Bienenweide.

Bei den übrigen Völkern des Altertums finden wir ebenfalls, daß sie weder den Bienen noch ihren Produkten abgeneigt waren. In nicht geringerer Geltung als bei den Ägyptern, Juden, Griechen und Römern stand die Biene bei den alten Deutschen (Germanen).

Dieselben sollen schon fierhundert Jahre vor Christo die Metbereitung aus Honig gekannt haben. Ihnen galt die Biene als ein heiliges Tier, ja sie wurde sogar in Bezug auf Klugheit mit den Menschen in Vergleich gebracht. Das in Deutschland eingeführte Schriftentum hat aber die Biene wieder dahin gestellt, wohin sie gehört, nämlich in das Tierreich, ohne ihre Vorzüge und ihre Produkte zu verkennen.

Die Biene war der Liebling der Mönche in ihren abgeschlossenen, stillen Klostermauern, war der Liebling der Kaiser und Fürsten in ihren Waldungen und Luftgärten, Sie fehlte aber auch nicht in den bescheidenen Gehöften des Landmannes. Wie der Fortschritt in der landwirtschaftlichen Kultur ein Hauptverdienst der Mönche war, So ist und war es namentlich und selbstverständlich auch der ideellste Zweig derselben, die Bienenzucht. Bekannt ist die von Mönchen vielfach getroffene Einrichtung, daß der Tribut, den man in damaliger Zeit den Klöstern zu entrichten hatte, zum Teil in Honig und Wachs abgeliefert wurde, und so sehen wir auch den noch weit in unsere Zeit hereinragenden Brauch, daß manche Pfarreien, besonders Klosterpfarreien, am Lichtmeßtage ihren Wachstribut an dieses oder jenes Kloster verabreichen, wie wir auch späterhin noch vielfach finden, daß mancher Bauer an eine oder die andere Kirchenstiftung wachszinsig war. Dies war z. B. gleich in meinem eigenen Pfarrdorfe Immelstetten noch bis zum Jahre 1848 der Fall.

Der Grund, warum die Mönche sich gerade mit besonderer Vorliebe der Bienenzucht widmeten, war, abgesehen von ihrem allgemeinen Bestreben, jeglichen Kulturzweck zu fördern, hauptsächlich dieser, reines unverfälschtes Bienenwachs für ihre gottesdienstlichen Bedürfnisse selbst gewinnen zu können.

Die Biene war aber auch der Liebling der Kaiser und der Fürsten. Ich erinnere in dieser Beziehung nur an den großen Frankenkaiser Karl den Großen, auf welchen wir im dritten Abschnitt dieses Buches noch zu sprechen kommen, auf dessen ausgedehnten Meierhöfen der Bienenstand nie fehlen durfte. Die Mehrzahl jener hervorragenden Fürsten und Regenten ließen es einen Gegenstand ihrer hauptsächlichen Obsorge

sein, der Bienenzucht bei den Bauern Eingang zu verschaffen und zwar dadurch, daß sie viele tausend Tagwerke von Waldungen denselben behufs Bienenzuchtsbetrieb gegen mäßige Abgaben von Honig und Wachs abtraten. Die Bauern hatten, übrigens für abgetretenes Wald- und Ackerland nicht bloß Honig und Wachs nach oben zu bieten, sondern sie bedienten sich dieser Artikel auch nach unten als Zahlungsmittel; so z. B. hatten vielfach die Dienstboten bei ihrer Verdingung am Lichtmeßtage jedesmal ein Pfund Wachs ausbedungen. Daher begegnen wir namentlich in Schwaben, und wir werden darauf noch im dritten Abschnitt zurückkommen, noch jetzt der Gewohnheit, daß sehr viele Dienstmägde am Lichtmeßtage mit ihrem Lohne zugleich auch ein Pfund Wachs von ihrer Dienstherrschaft beziehen. Ungeachtet dieser vielen Honig- und Wachsabgaben verlegte sich eine große Zahl von Bauern damaliger Zeit auf die Bienenzucht und, indem ein scharf abgegrenzter Teil derselben sich immer mehr und so fast ausschließlich auf die Bienenzucht verlegte, entstand der Stand der Bienenzüchter, die von dem altdeutschen Worte „zeideln", d. i. Honig schneiden, den Namen „Zeidler" erhielten und welche dann zusammen eine eigene Genossenschaft bildeten, ganz nach Art der mittelalterlichen Zünfte. Das Privilegium der Zeidlerei oder der Bienenzüchterei haftete auf den Landgütern, welche in damaliger Zeit vom Kaiser an einzelne Bauern verliehen wurden, als Realrecht.

Diesen Genossenschaften Von Zeidlern, welche meistens zugleich Haus- und Waldbienenzucht trieben, begegnen wir in der Oberlausitz, in der Kurmark, auf der Görlitzer Heide, in Pommern und am ausgebildetsten bei uns in Bayern selbst, und zwar in der Gegend Von Nürnberg in den ausgedehnten Wäldern Von St. Lorenz und St. Sebald, welche einen Raum von fast 100,000 Morgen umfaßten. Wer in eine solche Genossenschaft, die das Vorrecht eines eigenen Gerichtes besaß, eintreten wollte, mußte eine Prüfung bestehen; ein solcher Zeidler oder Bienenzüchter mußte schon einige Kenntnisse haben über die drei Wesen der Bienen, über die Überwinterung u. dergl. Hatte einer die Prüfung bestanden, so mußte er bei seiner Aufnahme feierlich durch Handschlag das Gelöbnis machen, die Itneressen der Bienenzucht selbst, sowie jene des Zeidlerstandes zu wahren. Nach dem Examen aber kam der bessere, der mehr heitere Teil; denn ein solch neuaufgenommenes Mitglied mußte sodann einen sogenannten „Leihkauf" entrichten, der in Bezahlung von etzlichen Hümplein Mets bestand, allwelcher ohn' irgend welche Zögerms im fürtrefflichen Kreise von den zugkräftigen Zeidler-Mannen zu ureigenster Sälde und Labe und dem neu aufgenommenen Mitgliede zu freundschaftlichem Willekomm herumgereicht ward.

Bezüglich der Bienenwohnungen der Germanen ist zu bemerken, daß sie dieselben aus Baumrinden, Reisig oder Holz verfertigten und daß dieselben zum Teil schon verschließbar waren. Insbesondere dienten aber ausgehöhlte Baumstämme als Bienenwohnungen.

Wie die Ägypter und die alten Römer, so sollen die Germanen neben Haus- und Waldbienenzucht auch Wanderbienenzucht getrieben haben. Ohne Zweifel war die damalige Bienenzucht — trotz der vielen Abgaben schon lohnend, indem die Bienen und ihre Produkte sehr teuer abgesetzt werden konnten. So zahlte man noch im sechzehnten Jahrhundert für einen Bienenstock drei bis vier Gulden, während eine Kuh in derselben Zeit oft um 5 Gulden verkauft wurde; zwei Bienenstöcke hatten mithin damals mehr Wert, als eine Kuh! Es darf uns also nicht befremden, wenn oft ganze Dörfer sich mit der Bienenzucht befaßten und ganz leicht erklärlich ist uns deshalb die Erscheinung, daß wir vielen Ortschaften in Deutschland und Bayern begegnen, die mit dem Namen dieses edlen Tieres in direkter Verbindung stehen, so z. B. Bienendorf, Zeidelheim. Bienenhof, Immenstadt, Immelstetten, Imnau, Immendingen u.s.w.

Aus all dem bisher Gesagten geht hervor, daß die Biene bei den Alten im stolzen Palaste des Fürsten, wie in der armen Hütte des Landmanns hochgeschätzt war, und daß Wachs- und Honigertrag in damaliger Zeit, in welcher das „Imker-Latein" noch nicht so blüte, kein ungünstiger war. Aber auf diese Zeit des Glanzes und der Blüte folgten auch für die Bienenzucht trübe Tage und Jahre, und vom sechzehnten Jahrhundert ab trat ein sichtlicher Verfall ein.

Die Gründe dieses allmähligen Niederganges der damaligen Bienenzucht waren mancherlei; zu den hauptsächlichsten gehörte vor allem die Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien. Von nun an wurden die dortigen Produkte nach Europa eingeführt und unter diesen auch Honig und Wachs mit all den möglichen und unmöglichen Surrogaten, So daß der Honig-Import allein aus Amerika schließlich bis zur ungeheuren Höhe von 500,000 Zentnern pro Jahr anstieg, gewiß eine deutliche Sprache nicht dafür, wie ungeheuer der Honigverbrauch in Europa sich steigerte, sondern dafür, wie wenig Europa diese Konkurrenz der neuen Welt niederzuhalten vermochte und wie gewaltig die eigene Produktion im Niedergang war. Hierzu kam noch die Entstehung von Rohr- und Rübenzucker- und von Syrupfabrikation und die reichliche Einfuhr dieser Produkte nach Deutschland. Nicht nur, daß diese Zuckerstoffe als solche den Honig aus der Alleinherrschaft verdrängten, nein, ein ganz ungeheurer Schaden erwuchs vor allem daraus, daß die Abfälle der Zuckerraffinerie in entsprechender Weise chemisch bearbeitet geradezu als Honig und mit klingendem Beinamen als ausländischer Honig auf den Markt gebracht wurden. Gar schnell ahmten die Deutschen, was sonst nicht ihre Sache ist, die Herstellung dieser Stoffe nach und so sah man bald auf bisherigen Bienenweiden Runkelrüben- und Kartoffelfelder!

Einen ganz entschieden nachtheiligen Einfluß auf die Bienenzucht hatte die Zunahme des Alkoholkonsums, und die Vermehrung der Bier- und Schnapsbrauereien war ein weiterer Grund des stetigen Niederganges derselben. Denn schon damals hatte das große und kleine Publikum den „Maßkrug" und die niedere Volksmasse das „Gläschen" lieber in der Hand, als das Honig- und Metglas! Und es ist deshalb leicht erklärlich, daß eine Metbrauerei um die andere Verschwand!

Die Kirchenreformation, sowie die Aufhebung vieler Klöster trugen vieles zum Ruin dieses edlen Zweiges bei. In den protestantischen Kirchen wurde nicht mehr so viel Wachs benötigt, wie solches bisher bei katholischen Gottesdiensten der Fall war, namentlich bei Prozessionen und anderen Festlichkeiten. Infolge der Aushebung vieler Klöster und Abteien fiel der von den zehntpflichtigen Unterthanen schuldige Honig- und Wachszins weg. Die Wachsfälschung machte im Laufe der Zeiten betrübende Fortschritte. Die Raffinierung verschiedener Fette und die Herstellung „rauch- und geruchlos" brennender Kerzen hatte sich eingebürgert. Statt des angenehmen Duftes von Naturwachs bot man  uns brenzliche Gerüche der verschiedenen Kohlwasserstoffe und das Petroleum. Die Produktion all dieser Dinge gestaltete sich natürlich viel billiger und solchen Mächten gegenüber vermochte die damals ja noch lange nicht zu ihrer heutigen Höhe entwickelte Bienenzucht nicht standzuhalten. Vorüber war's mit den früheren Wachspreisen, vorüber mit dem Absatz echten, goldenen Honigs; was Wunder, wenn die Liebe zur Bienenzucht allseitig erkaltete!

Was von der ehemaligen Blüte der Bienenzucht noch übrig war, das drohten endlich die elementaren Umwälzungen des dreißigjährigen Krieges vollends ganz zu vernichten, wie im Laufe dieses schrecklichen, furchtbaren Zeitraumes alles in unserem unglücklichen Vaterlande darniederlag, wie Acker und Ländereien auf unabsehbare Zeiten verwüstet, Dörfer und Städte vom Erdboden hinweggefegt wurden, Greise und Kinder gemordet, Frauen geschändet wurden, wie das ganze, ehemals so herrliche Reich durch die Fackel des Bruderkrieges in ein gräßliches, schauriges Leichenhaus verwandelt wurde, das wissen ja alles bereits zur Genüge meine lieben Schwäbischen Imkerfreunde. Am ärgsten aber hatte die Landwirtschaft gelitten und man wird in der Schätzung nicht zu hoch gegangen sein, wenn man berechnete, daß achtzig Prozent des gesamten Viehstandes im deutschen Vaterlande verloren war, gleichwie vielleicht mehr als die Hälfte des Bodens unkultiviert liegen blieb. Keiner wußte ja, ob er morgen noch Haus und Hof, noch Weib und Kind haben werde; keiner wußte, ob er morgen noch einen Heller von seiner Habe sein eigen nennen könne! Wo hätte da der Mut zur Arbeit, der Mut zu Unternehmungen herkommen sollen, da zugleich mit der öffentlichen Sicherheit alles danieder lag, was den Menschen zur Thätigkeit anzuspornen vermag, Ideales, Materielles, ja seine eigene und eigenste Würde. Und so braucht es wohl nicht eigens hervorgehoben zu werden, welch' geradezu tödtlichen Schlag dieser unheilvolle Krieg auch der Bienenzucht versetzte, und Beßler hat völlig recht, wenn er sagt: „Wenn man die damaligen Verhältnisse nach ihrer Gesamtheit in Betracht zieht, so muß man sich in der That wundern, daß die Bienenzucht nicht ganz von der Bildfläche des nationalwirtschaftlichen Kulturlebens verschwand.

Und das ist wirklich doppelt zu verwundern, weil die ganze damalige Imkerei eigentlich eine Sache der mündlichen Tradition war, die sogar zum großen Teile von engherzigen Zünften als ihr lukratives Geheimnis betrachtet wurde. Nirgends, oder doch nur selten, fand sich etwas Geschriebenes, und so war aber auch thatsächlich das positive Wissen über Biene und Bienenstaat trotz Zeidlerkünste und Zeidlerexamen ein äußerst geringgradiges geblieben. Durch einzelne hervorragende Männer ward aber allmählich der halbtoten Sache der Bienenzucht wieder etwas Leben eingehaucht, und als auch fürstliche Mäcene wieder helfend und schützend eingriffen, nahm die Bienenzucht in demselben Maße wieder an Ausdehnung zu, wie sie auch durch hochverdienter Männer Sinnen und Denken an Klärung ihrer Geheimnisse gewann.

Einige Imker, die sich damals einläßlich mit dem Geschlechte der Bienen befaßten, kamen schon zu einzelnen richtigen Anschauungen über das Wesen und Treiben der Biene. Ein gewisser Anton Janscha, ein einfacher aber scharfsinniger Landmann aus Oberkrain, machte Schon im Jahre 1774 seine Überzeugung bekannt, daß die Königin sich außerhalb des Stockes und nur einmal für ihr ganzes Leben mit einer Drohne begatte. Franz Hub er, ein Schweizer von französischer Nationalität, bestätigte im Jahre 1789 dasselbe. Pastor Schirach in Kleinbautzen (Sachsen) machte im Jahre 1767 die Entdeckung, daß sich die Bienen nach Bedarf aus Arbeiterbrut auch Königinnen erziehen können. Alle diese Ansichten wurden jedoch von anderen Imkern wieder bekämpft und verworfen, so daß die Wahrheit in damaliger Zeit nicht zur allgemeinen Geltung kommen konnte. Kurfürst Max. (Von 1744 — 1777) legte großes Interesse für die Bienenzucht an den Tag, wie wir späterhin noch hören werden; auch Karl Theodor (Von 1777-1799) bekundete große Vorliebe für die Sache, indem er einen eigenen „Unterricht der Bienenzucht für die kurbayerischen Landeseinwohner" erscheinen ließ. Tag auf diesem Gebiete wurde es erst mit dem Auftreten des Dr. Joh. Dzierzon, eines katholischen Pfarrers zu Karlsmarkt in preußisch Schlesien, der im Jahre 1845 feine auf diesem Gebiete gemachten Entdeckungen veröffentlichte. Diese stellen fest, daß jede Königin ohne vorgängige Begattung Eier lege, aus denen sich Drohnen entwickeln (Parthenogenesis, jungfräuliche Zeugung), und erst durch eine stattgefundene Begattung die Fähigkeit erlange, die Eier beim Durchgang durch den Legkanal in weibliche umzuwandeln. August Von Berlepsch, Dzierzons größter Schüler, gab diesen Lehren in Fühlung mit den Professoren Dr. Theodor von Siebold in München und Dr. Rudolf Leukart in Leipzig eine wissenschaftliche Begründung; dem Urteil dieser schloß sich auch Andreas Schmid, Seminar-Präfekt in Eichstädt, an. Gar rasch fanden die Dzierzonschen Lehren Anerkennung. Dr. Dzierzon, ein zweiter Aristäus, hat den Gedanken des äußerst unvollkommenen aristäischen Mobilbaues aus der Urzeit aufgenommen und in die richtigen Bahnen gelenkt, indem er Bienenwohnungen mit beweglichem Bau herstellte, solche allmählich verbesserte, wozu insbesondere zur Verbesserung des Wabenrähmchens Herr Baron August Von Berlepsch die Hand bot, und so die Imkerwelt mit diesem Mobilstock und seiner praktischen Verwendung bekannt machte. Somit ist Herrn Dr. Dzierzon der Wurf gelungen, welcher seiner Zeit im Jahre 1789 dem großen Franz Huber mit seinem teilweise beweglichen Buchblätter- oder Rahmenstock nicht geglückt ist. Allerorts ist Dzierzons mobiler Stock bekannt und hat sich in den meisten Bienenständen unseres lieben Vaterlandes eingebürgert; dessenungeachtet aber wird sich der Stabilbau mit Korbimkerei bei unserem Landvolke niemals ganz von den Bienenständen verdrängen lassen, da er schon zu sehr und zu tief Wurzel gefaßt, der Betrieb desselben weniger Aufwand an Zeit und Geld und auch weniger Kenntnisse erfordert und der Korbimker, der mit Verstand imkert, neben vielen Schattenseiten immerhin auch von Lichtseiten bei seinem Bienenzuchtsbetrieb zu erzählen weiß.

Es ist geradezu staunenswert, welch' großartiges, zielbewußtes Leben seit dem Auftreten Dr. Dzierzons in dem Gesamtgebiete der Bienenzucht erwacht ist und welch' herrliche Errungenschaften in Theorie und Praxis, im Gebiete der Wissenschaft und des klingenden Erfolges gemacht wurden! Mit diesem großen Manne kam der erwärmende Strahl der Sonne in die gesamte Imkerwelt; diese wurde aus einem vieljährigen Schlafe aufgerüttelt. Große Naturforscher haben uns mit den Gesetzen der Zuchtwahl vertraut gemacht, Mittel zur Bekämpfung der Bienenkrankheiten an die Hand gegeben. Zeitschriften, Bienenzuchtswerke und Vereine in großer Zahl fördern nun unsere edle Sache. Und trotz dieser Errungenschaften in den letzten fünfzig Jahren ist die Masse des Volkes gerade über das Leben und Treiben der Bienen noch nicht ganz frei von Irrtümern und Vorurteilen, und selbst im Kreise gewiegter Jmker bestehen über einzelne Punkte oft noch in ganz bedeutendem Maße geteilte Meinungen. Auch fehlt, — man darf dies nicht verschweigen, — noch bei gar vielen jene Liebe und jene Begeisterung, wie wir solche an unseren Vorfahren bewundern.

Das Volk, und namentlich die heranwachsende Generation, muß daher durch richtige Belehrung und Aufklärung über Bienenwesen und Bienenbehandlung, aber auch über die ganz bedeutende Einträglichkeit der Bienenzucht zur Liebe und Begeisterung für diese edle Sache gewonnen werden, und das kann wohl am besten geschehen durch die Vermehrung von Bienenzüchtervereinen, sowie durch Einführung eines obligatorischen Bienenzuchtlehrkurses in den Schullehrer-Seminarien, und namentlich dadurch, daß man endlich einmal die Erzeugnisse der Bienen gesetzlich schützt und ihnen lohnenden Absatz verschafft, indem man auf die Einfuhr von ausländischem Honig und von Honigsurrogaten bedeutenden Zoll setzt, indem man auf gesetzlichem Wege durch empfindliche Strafen allen Honig- und Wachsschwindlern und Verfälschern ordentlich auf die Finger klopft, kurz: indem man für den ideellsten Zweig der Landwirtschaft längst vermißte Gesetze und Rechte schafft und deren Ausführung und Wahrung strenge handhabt. Gewiß, die Zahl der Bienenzüchter wird sich dann allenthalben, besonders im Bauernstande, bald in erfreulichster Weise mehren, im angenehmen Gefühle, in Hinsicht auf die vielen Imkermühen für echt gebotene Ware fortan auch lohnenden Absatz und einen anständigen Entgelt zu finden.